Dienstag, 4. November 2014

Mauerlosigkeit im Herbst 1989


Ein Tag, vor 25 Jahren, der jahrzehntelang unvorstellbar war.

Anfang September begannen die ersten Montagsdemos. Ich war von Anfang an dabei.
Jeden Montagabend, nach der Arbeit, trafen sich immer mehr Menschen, die gemeinsam durch
die Stadt marschierten und "Wir sind das Volk" riefen... später kamen dann Kundgebungen und Transparente dazu.

 Es tat so gut, endlich seine Stimme laut gegen dieses System zu erheben.
In einer Gemeinschaft, die derselben Meinung war. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen.
Allein die Tatsache, dass man gegen diese Kundgebungen nichts unternahm (ansonsten wurden kleinste Gegen-Bewegungen im Keim erstickt!) zeigte uns die Möglichkeit der Bröckeligkeit der alten Mauern.

Anfang Oktober war ich dann zu einer Fortbildung in einer anderen großen Stadt, Magdeburg. Dort warnte man uns eindringlich, an den Montagsdemos teilzunehmen. Es sei viel zu gefährlich.
Natürlich gingen wir zum Dom, wo solche Veranstaltungen oft begannen. Hier war es ein stiller Marsch mit Kerzen.... im schützenden Dom beginnend....so viele Menschen. Am nächsten Tag kam die Nachricht, dass Erich Honecker zurückgetreten sei. Sein Nachfolger, Egon Krenz, war für uns nicht gerade ein hoffnungsvoller Ersatz...

Ein paar Tage später besuchte mich mein Brieffreund Klaus aus Westdeutschland.
Gemeinsam fuhren wir nach Berlin, nicht in Erwartung irgendwelcher Aktionen, sondern
einfach so, schon länger geplant, um ein paar schöne Tage zusammen dort zu verbringen.

Es war die Zeit um den 07.10.89, den ostdeutschen Nationalfeiertag, den 40. Gründungstag
der DDR .
Klar, dass wir uns die Parade anschauten, im Hinblick auch darauf, dass Michail Gorbatschow anwesend sein sollte.

Filzstiftmalerei, 2. Klasse  (wir mussten bei einem Staatsbesuch an der Straße stehen und winken).

 "Gorbi, hilf uns!" Rufe wurden laut, ganz schnell spürte man, wie Sicherheitskräfte die Gegend abriegelten. Eine Demonstration bildete sich nach der Militärparade, aber erst, als Honecker, Arafat, Ceausescu, Gorbatschow und andere Gäste beim Abendessen saßen. Eingeschritten wurde erst, nachdem Gorbatschow Berlin wieder verlassen hatte...

Ich bin mit Klaus wieder nach Hause gefahren und wir hatten noch einen Ausflugstag nach Leipzig geplant. Montag, 09.10.1989.  Unbeabsichtigt sind wir dabei, als Geschichte geschrieben wird.
Wir suchten abends die Nicolaikirche auf, wo das Montagsgebet mit Pfarrer Christian Führer stattfinden sollte. Es war eine eigenartige Atmosphäre, man konnte nicht einschätzen, wer Stasi und wer nicht war....
Als wir die Kirche verließen, hörten wir schon die Menschenmassen (70.000 sollen es gewesen sein) "Wir sind das Volk!" rufen . Gänsehaut.
Angst, als wir aus einer Seitenstraße Mannschaftswagen der Polizei anrollen sahen, viele LKW mit vielen Uniformierten. Bewaffnet.

                                Bild aus dem Zeichenunterricht, 4.Klasse

Ich bin ehrlich, Klaus und ich haben die Stadt verlassen.  Klaus hatte ja vor, wieder auszureisen.
Es konnte keiner ahnen,wie der Abend ausgehen wird. Dieser Abend stellte die Weichen für alles weitere. Es blieb friedlich. die alten verbohrten Männer wussten keine Antwort mehr auf die drängenden Fragen und keiner traute sich, zuzuschlagen.

Ich glaube heute noch, dass die Information von Schabowski in einer Pressekonferenz am Abend des 09.11.89 ein großes Missverständnis war, dass die Grenzen ab sofort geöffnet seien und jedem eine Ausreise offen stünde. Unter welchen Bedingungen und ab wann war ihm nicht bekannt, also stammelte er auf Nachfrage ...." ab sofort".

In den "Tagesthemen" der ARD wurde nachts um 22.42 Uhr die Grenzöffnung bekanntgegeben und daraufhin stürmten Zehntausende Bürger gegen 23.30 Uhr zur Bornholmer Brücke und zu anderen Grenzpunkten und verlangten die Öffnung.... wir sehen die Bilder der Menschen auf der Mauer noch vor uns.

Schabowski's  Bemerkung hatte ich noch gehört, dann bin ich aber schlafen gegangen. Schliesslich klingelte mein Wecker kurz nach 4:00 Uhr...

Als ich morgens dann wie immer mit der bayrischen Hymne zu Sendebeginn aus meinem Radiowecker wach wurde  - hörte ich das Unglaubliche - die Mauer ist offen - man kann über die Grenze fahren! Es war ein Freitag...
Ich fuhr zur Arbeit.
Ich weiß noch, wie das Wetter war, ich spüre noch diese ungläubige Stimmung,...die große Freude!
Wir haben Sekt gekauft, angestossen und in den nächsten beiden Tagen fuhren ganz viele Leute zum ersten Mal die Straßen weiter, die bisher schon viele Kilometer vor der Grenze gesperrt waren.
Unglaublich lange Staus...
Mein Vater hatte an diesem Wochenende Dienst und in der Klinik zu arbeiten, also fuhren wir erst am nächsten Wochenende ... Endlich!  Endlich!

Unser Ziel war Worms am Rhein, wo mein Bruder lebte, der einige Monate vorher über Budapest ausgereist war...

Ich bin gleich 2 Jahre später ausgewandert. Der Liebe wegen und weil das Drehen der vormals roten Fähnchen nach dem Wind nur  noch sehr schwer zu ertragen war...
Ich bin sehr dankbar, dass ich die ganze Geschichte miterleben durfte, dass ich noch so jung dabei war und mittendrin sein konnte.


Herbst 2014, ist nach 25 Jahren alles gut ?
Ein Thema für einen nächsten post....





Kommentare :

  1. Ein ganz wunderbarer Post, spannend zu lesen. Ich persönlich hätte einen ganz wunderbaren Menschen in meinem Leben niemals getroffen ohne die Ereignisse vor 25 Jahren. Dadurch berührt mich dieses Ereignis immer wieder

    Liebste Grüße zu dir :-)

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  2. Das ist ja spannend, es aus deiner Sicht mitzuerleben! Und dann die aufschlussreichen Kinderbilder...
    Kommen morgen wieder vorbei!
    Astrid

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  3. es ist mir eine freude durch deine persönliche erfahrung diesen historische augenblick wiederzuerleben. ich wohne in frankreich und habe in ostdeutschland familie und wir konnten es nicht richtig glauben dass die grenze entlich offen war, keine visa für uns und die familie dort konnten endlich bei uns kommen ! vielen dank für deine zeilen !

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  4. ...beim lesen habe ich die ganze zeit gänsehaut gehabt, liebe sabine.
    schön hast du das be- und geschrieben :-) danke!!!!!!
    lg mickey

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  5. Gänsehaut - Du warst live dabei.
    Am 9. November 1989 saßen wir mit Freunden in der Pizzeria, plötzlich der Ruf: "Die Mauer ist auf." Wir glaubten es nicht, fuhren nach Hause, schalteten den Fernseher an und tatsächlich. Die Mauer war auf. Am Sonntag fielen die ersten "Ossis" in der Kleinstadt nahe der ehemaligen Grenze ein und stürmten die Discounter - die extra geöffnet hatten, wir fuhren hin und standen wie 1000 andere "Wessis" am Straßenrand und winkten und winkten und winkten und schnupperten den Geruch der Zweitackter, den Tag werde ich nie vergessen. Unser ältester Sohn war damals knapp 4, er erinnert sich an diesen Sonntag.
    herbstliche Grüße
    Judika

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