Samstag, 8. November 2014

Lichtgrenze, Biermann und 25 Jahre danach

Als ich gestern unterwegs im Autoradio den Bericht über den "Eklat im Bundestag" durch Wolf Biermann hörte, musste ich schmunzeln.
Wer Wolf Biermann einlädt, muss mit so was rechnen.
Klar kann man sich streiten, inwieweit es gerechtfertigt war - allein der Akt des Ungehorsams, des sich Nicht-an-die-ehrwürdigen-Regeln-haltens, das passt super zu diesem Tag, dass muss!
Was nicht muss, aber eine kreative Geste ist, das ist die Lichtgrenze (klick) derzeit in Berlin, praktisch wird der Verlauf der Mauer in Berlin durch Ballonleuchten nachgestellt, die sich dann am 09.11.14 zu den Klängen von "Freude schöner Götterfunken" (Beethovens 9.Sinfonie in d-Moll op.125) in die Lüfte erheben werden.

Der  9. November 89 hat für die Menschen aus Deutschland ganz unterschiedliche Bedeutungen. Für die meisten war es Freude, Glück und Befreiung, für manche wurde die Zeit aber unsicher. Für die, die sich im System der DDR sicher fühlten, die sich dort verwirklichen konnten.

Die Ausreise zu beantragen - das haben meine Eltern oft überlegt.
An Beispielen direkt im Ort sahen wir, wie das funktionierte. Drohungen, Drangsalierungen waren an der Tagesordnung. Meine Eltern hatten Angst, ihre Kinder zu verlieren und im Alltag gedemütigt zu werden. Die Genehmigung zur Ausreise - das konnte Jahre dauern.

Ich erinnere mich. Flüchten? Für uns keine Lösung.
Im Osten war es ja genauso wie bei uns- und an der anderen Grenze hätte man uns abgeknallt. Unser Leben zu riskieren war keine Option.
Ist es nicht auch eine Form der religiösen Verfolgung, wenn ein 13jähriges Mädchen jeden Montag zum Klassenlehrer bestellt wird und ihr gedroht wird, sie werde mit einer Konfirmation  ihre beruflichen Wünsche vergessen können?
Die Drohung wurde später auch wahr gemacht.
Nach der Konfirmation waren pädagogische Berufe für mich tabu,  Studium - nur über Umwege.
In einem Fach, das mich nicht interessierte, es war allein Bildungshunger, der mich trieb.
Später ging es weiter, in regelmäßigen Abständen gab es Gespräche mit der betrieblichen Parteileitung wegen eines Eintritts in die SED.
Alle Familienmitglieder hatten eine Stasi-Akte, meine Eltern und ich haben sie angefordert und bekommen. Zum Glück gab es die heutigen technischen Möglichkeiten noch nicht für die Stasi.... für uns wären sie vielleicht hilfreich gewesen.

Mein kleiner Bruder, der inzwischen verstorben ist, ist noch im September oder Oktober 1989 über Budapest geflohen. Damals musste man die Nicht- Rückkehr aus dem Ausland der Polizei melden. Dann wurde die Wohnung versiegelt und der Besitz beschlagnahmt. Das tat man im Oktober 89 nicht mehr, zu viele Menschen...

Irgendwie hat man das Ende der DDR gespürt, ich mochte nicht meine gesamten persönlichen Dinge stehen und liegen lassen... ich konnte warten.

Dann kam die Wende. Freude pur, Erleichterung. Unsicherheit, wie es weitergeht... Wiedervereinigung.

Was dann kam, war für mich sehr schwer zu ertragen. Die vorherigen Machthaber hielten sich auf einmal für die geborenen "Kapitalisten"und drehten ihre Fähnchen um 180 Grad.
Sie versuchten, die Führung in Betrieben und Verwaltungen wieder an sich zu reißen.
Der erste Wahlkampf, eine reinste Katastrophe... Kannte ja auch keiner.
Wenn ich früh aus dem Bus zur Arbeit ausstieg, hingen da ganz andere Plakate als abends.
Jeden Tag. Wo war die Stasi hin? In Luft aufgelöst? Vertrauen, wem? Eine schwere und auch schöne Zeit, dieser Übergang.  Man konnte schließlich reisen, wenn das Geld reichte...

Ich bin kurze Zeit später zu meinem damaligen Freund nach NRW umgezogen und lebe immer noch hier, habe Wurzeln geschlagen.
Es ist immer etwas Besonderes, meine alte Heimat zu besuchen, obwohl nur noch wenige meiner Klassenkameraden dort wohnen.
Für mich ist Deutschland seit vielen Jahren eins, ich mache mir da gar keine Gedanken mehr, wer wo wohnt, über "Ossies" oder "Wessies"....
Das ist aber eine Sache der Perspektive. Da mögen viele anders denken und haben sicher auch Grund dazu.

Schließlich sind auch die Gedanken frei .... aber das waren sie zum Glück vorher auch.




Kommentare :

  1. Schon wieder ein toller Post. Ich hatte gestern Abend ein sehr bereicherndes Gespräch mit einem "Ossi" über diese Zeit und die unterschiedliche Wahrnehmung. Zum Glück gibt es für mich diese Kategorie schon lange nicht mehr. In meiner Wahrnehmung wird das weniger. Ich find wir gehören zusammen und das ist gut so.


    Liebste Grüße zu dir :-)

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  2. ...weiter gelesen wie du das alles erlebt hast... nicht so einfach !

    liebe grüsse

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  3. Oh, es fällt mir schwer darauf in einem Kommentar zu antworten, genau so schwer fällt es mir noch immer mich dazu persönlich öffentlich zu äußern, zu ambivalent (und noch vielfältiger und widersprüchlicher) meine Erfahrungen in diesen 24 (D) + 33 (DDR) + 3 (BRD) Jahren, rückwärts gerechnet. Und die jeweiligen individuellen Erfahrungen lassen sich nicht pauschalisierend verallgemeinern. Zentral sind für mich die Unantastbarkeit der Würde und eine gewisse Wertschätzung des Menschen - in jeder Lebenslage - und für mich war daher Biermanns Auftritt nicht so gut erträglich, es klang mir doch sehr nach Hass und Ausgrenzung und alten Rechnungen, und das empfinde ich als ungeeignet fürs Miteinander. Zu uns hier gehören nun mal alle, zumal auch Linke, die mit dem Geschäft der DDR-SED doch aufgrund ihres Alters schon nichts zu tun haben können. Es ist auf jeden Fall gut, dass zu solchen Jahrestagen Erinnerungen wieder hochkommen, ausgesprochen und bearbeitet werden können. Liebe nachdenkliche Grüße und einen schönen Sonntag - Ghislana

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  4. Liebe Ghislana, genau das wollte ich sagen, es gab sehr viele individuelle Erfahrungen mit der DDR. Sicher, Biermann ist noch immer sehr beeinflusst durch seine früheren Erfahrungen, aber die bleiben nun mal sehr eindrücklich da und es war ein Tag des Erinnerns. Das hat man kommen sehen können, wenn man ihn einlädt. Danke, dass du dich darauf eingelassen hast, meine Erfahrungen zu kommentieren! LG Sabine

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  5. für unsere generation ist erinnern noch wichtig...meine kinder , damals 5 und 12 , haben keine erinnerungen mehr an unsere alte heimat und die wende. und das ist (vielleicht) auch gut so :-)
    lg mickey

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  6. Liebe Sabine,
    ich bin dankbar dass ich im Westen geboren und aufgewachsen bin. 1989 im August waren wir im kleinen Grenzverkehr "drüben", nie hätten wir geglaubt, dass keine drei Monate später eine Trabi-Kolone durch unseren damaligen Wohnort fährt, unser zweiter Sohn ist am letzten Tag der alten BRD geboren, ein schönes Geburtsdatum finde ich, einen Tag nach seiner Geburt wurden überall Bäume gepflanzt, er schaut sich die immer wieder an und stellt fest wie groß sie wurden sind - er ist inzwischen auch fast 190 cm groß... Unser dritter Sohn studiert seit diesem Semester in Berlin, bei der Feier stand er direkt vor dem Brandenburger Tor - ein Wahnsinnserlebnis für den 19jährigen.
    herzlich Judika

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