Samstag, 29. November 2014

Zurück in den Advent

Als Kind habe ich im Erzgebirge gelebt. Um die Weihnachtszeit gab es da viele alte
Traditionen und die Lichter zauberten eine wundervolle Stimmung in die kleinen Orte.
Meine Eltern backten für die Familie und Freunde Stollen nach einem alten Rezept. Ich
kann mich noch an diese geschäftigen Zeiten mit allerlei Vorbereitungen und an den Duft
der fertigen Stollen erinnern... wie sie gelagert und verpackt wurden...
Nach einem altem Aberglauben durfte ja nur keiner zerbrechen.

Die Weihnachtszeit ist heute nüchterner, nicht so verzaubert. Geprägt von jeder Menge
Kommerz und vielen Terminen.

Ich weiß gar nicht, wie viele Jahre ich Weihnachten am liebsten hätte stillschweigend
übergehen wollen.
Meistens habe ich auf den letzten Drücker den Adventskranz gekauft und geschmückt, den
Baum aufgestellt usw., was man eben alles so tut, um den Kindern trotz allem die adventlichen
und weihnachtlichen Traditionen in's Bewusstsein zu pflanzen.

Aber auch private Gründe vermasselten mir in den letzten Jahren um Heiligabend die Weihnachtsstimmung...

Obwohl die Schatten der Vergangenheit noch immer nicht ganz ausgeräumt sind,  finde ich nun langsam wieder zu mir zurück, bin guten Mutes und ich mag es kaum glauben - ich freue mich
seit langem wieder auf die Adventszeit. Ich habe Lust, die Engel schon eher als am Heiligen
Abend aus ihren Kistchen zu holen, ich habe Lust, Weihnachtslieder auf meiner Geige zu spielen,
die Wohnung zu schmücken... Plätzchen zu backen...
und ich freue mich auf den Stollen, der nächste Woche hier bei mir ankommt - immer noch von meinen Eltern gebacken...





Engel:  Wendt & Kühn (ganz in der Nähe meines früheren Heimatortes hergestellt)

Ich wünsche auch euch sehr, dass ihr den Zauber der Adventszeit genießen könnt!




Sonntag, 16. November 2014

12tel Blick im November 2014

Es ist ganz offensichtlich November, darauf war ich gefasst, als ich wegfuhr, um den Elefanten zu fotografieren.... Aber dass er nun fast "nackt" war, praktisch nur in "Unterwäsche" vor mir stand  - damit hatte ich nicht gerechnet.






Dafür war Herr Puschel unterwegs... kaum einzufangen mit der Kamera...




 Der knorrige Elefant im Regen...





Mein Werseblick, noch ein wenig grün-gelb, aber mit erheblich weiterer Aussicht als bisher.




Zu Hause, umdekoriert. Statt Meer jetzt Herbstwald. Entstanden vor 2 Jahren auf Wangerooge.



Hä?  Goldene Rehe? Wo sind wir hier denn hingeraten?







Dienstag, 11. November 2014

"Ich würde gern einmal in Dresden singen"

Ein Lied aus den 80er Jahren von Reinhard Mey...
Das ist kein Traum mehr, nein, es ist heute Wirklichkeit:

Reinhard Mey singt heute in Dresden, heute am 11.11.2014.

Ich kannte ihn schon als Kind, aus dem Radio. Die erste Platte von ihm habe ich in der Hand
gehabt und gehört, als ich abends auf mein Patenkind Katharina aufgepasst habe.
Fast 35 Jahre ist das jetzt her...

Am 01.11.2014 habe ich ihn in Münster gesehen und gehört, ganz aus der Nähe...

Die Hallen dieser Tournee sind seit langem ausverkauft. Seine Stimme ist noch ausdrucksvoller und schöner geworden, er ist gewohnt witzig, feinfühlig und freundlich.
Mit einem fröhlichen "Hier bin ich wieder" kommt er auf die Bühne.
Nur er und seine Gitarre genügen. Er füllt den Raum mit seinen Liedern und Geschichten,
er, der das Glück hat, "bei der Arbeit singen zu dürfen".
Er singt von seinem neuen Album "Dann mach's gut". Auch ältere Lieder, wie das legendäre "Über den Wolken", was ich noch nie live gehört habe. Er platziert die Lieder über seinen in diesem Jahr verstorbenen Sohn und seine beiden anderen Kinder gut, kriegt die Kurve dann wieder, aber löscht auch kurz das Licht, damit die Zuhörer sich die Tränen aus den Augen wischen können...
Zum Schluss "Gute Nacht Freunde..."

Ein wunderschöner, berührender Abend in Münster.


     Quelle Dresden-Bild, Reinhard Mey habe ich selbst fotografiert...

Er will wiederkommen...
Aber heute singt er in Dresden. Und das ist garantiert ebenso wundervoll wie in den anderen Tourneestädten, die er seit dem 18.09. und noch bis zum Finale am 16.11.2014 zu Hause,in Berlin, besucht hat und besuchen wird...

Alles Gute und Danke, Reinhard! 
Welch ein Glück, dass du seit vielen Jahren nun auch in Dresden, Weimar, Halle oder Heinrichsruh singen kannst...






Samstag, 8. November 2014

Lichtgrenze, Biermann und 25 Jahre danach

Als ich gestern unterwegs im Autoradio den Bericht über den "Eklat im Bundestag" durch Wolf Biermann hörte, musste ich schmunzeln.
Wer Wolf Biermann einlädt, muss mit so was rechnen.
Klar kann man sich streiten, inwieweit es gerechtfertigt war - allein der Akt des Ungehorsams, des sich Nicht-an-die-ehrwürdigen-Regeln-haltens, das passt super zu diesem Tag, dass muss!
Was nicht muss, aber eine kreative Geste ist, das ist die Lichtgrenze (klick) derzeit in Berlin, praktisch wird der Verlauf der Mauer in Berlin durch Ballonleuchten nachgestellt, die sich dann am 09.11.14 zu den Klängen von "Freude schöner Götterfunken" (Beethovens 9.Sinfonie in d-Moll op.125) in die Lüfte erheben werden.

Der  9. November 89 hat für die Menschen aus Deutschland ganz unterschiedliche Bedeutungen. Für die meisten war es Freude, Glück und Befreiung, für manche wurde die Zeit aber unsicher. Für die, die sich im System der DDR sicher fühlten, die sich dort verwirklichen konnten.

Die Ausreise zu beantragen - das haben meine Eltern oft überlegt.
An Beispielen direkt im Ort sahen wir, wie das funktionierte. Drohungen, Drangsalierungen waren an der Tagesordnung. Meine Eltern hatten Angst, ihre Kinder zu verlieren und im Alltag gedemütigt zu werden. Die Genehmigung zur Ausreise - das konnte Jahre dauern.

Ich erinnere mich. Flüchten? Für uns keine Lösung.
Im Osten war es ja genauso wie bei uns- und an der anderen Grenze hätte man uns abgeknallt. Unser Leben zu riskieren war keine Option.
Ist es nicht auch eine Form der religiösen Verfolgung, wenn ein 13jähriges Mädchen jeden Montag zum Klassenlehrer bestellt wird und ihr gedroht wird, sie werde mit einer Konfirmation  ihre beruflichen Wünsche vergessen können?
Die Drohung wurde später auch wahr gemacht.
Nach der Konfirmation waren pädagogische Berufe für mich tabu,  Studium - nur über Umwege.
In einem Fach, das mich nicht interessierte, es war allein Bildungshunger, der mich trieb.
Später ging es weiter, in regelmäßigen Abständen gab es Gespräche mit der betrieblichen Parteileitung wegen eines Eintritts in die SED.
Alle Familienmitglieder hatten eine Stasi-Akte, meine Eltern und ich haben sie angefordert und bekommen. Zum Glück gab es die heutigen technischen Möglichkeiten noch nicht für die Stasi.... für uns wären sie vielleicht hilfreich gewesen.

Mein kleiner Bruder, der inzwischen verstorben ist, ist noch im September oder Oktober 1989 über Budapest geflohen. Damals musste man die Nicht- Rückkehr aus dem Ausland der Polizei melden. Dann wurde die Wohnung versiegelt und der Besitz beschlagnahmt. Das tat man im Oktober 89 nicht mehr, zu viele Menschen...

Irgendwie hat man das Ende der DDR gespürt, ich mochte nicht meine gesamten persönlichen Dinge stehen und liegen lassen... ich konnte warten.

Dann kam die Wende. Freude pur, Erleichterung. Unsicherheit, wie es weitergeht... Wiedervereinigung.

Was dann kam, war für mich sehr schwer zu ertragen. Die vorherigen Machthaber hielten sich auf einmal für die geborenen "Kapitalisten"und drehten ihre Fähnchen um 180 Grad.
Sie versuchten, die Führung in Betrieben und Verwaltungen wieder an sich zu reißen.
Der erste Wahlkampf, eine reinste Katastrophe... Kannte ja auch keiner.
Wenn ich früh aus dem Bus zur Arbeit ausstieg, hingen da ganz andere Plakate als abends.
Jeden Tag. Wo war die Stasi hin? In Luft aufgelöst? Vertrauen, wem? Eine schwere und auch schöne Zeit, dieser Übergang.  Man konnte schließlich reisen, wenn das Geld reichte...

Ich bin kurze Zeit später zu meinem damaligen Freund nach NRW umgezogen und lebe immer noch hier, habe Wurzeln geschlagen.
Es ist immer etwas Besonderes, meine alte Heimat zu besuchen, obwohl nur noch wenige meiner Klassenkameraden dort wohnen.
Für mich ist Deutschland seit vielen Jahren eins, ich mache mir da gar keine Gedanken mehr, wer wo wohnt, über "Ossies" oder "Wessies"....
Das ist aber eine Sache der Perspektive. Da mögen viele anders denken und haben sicher auch Grund dazu.

Schließlich sind auch die Gedanken frei .... aber das waren sie zum Glück vorher auch.




Dienstag, 4. November 2014

Mauerlosigkeit im Herbst 1989


Ein Tag, vor 25 Jahren, der jahrzehntelang unvorstellbar war.

Anfang September begannen die ersten Montagsdemos. Ich war von Anfang an dabei.
Jeden Montagabend, nach der Arbeit, trafen sich immer mehr Menschen, die gemeinsam durch
die Stadt marschierten und "Wir sind das Volk" riefen... später kamen dann Kundgebungen und Transparente dazu.

 Es tat so gut, endlich seine Stimme laut gegen dieses System zu erheben.
In einer Gemeinschaft, die derselben Meinung war. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen.
Allein die Tatsache, dass man gegen diese Kundgebungen nichts unternahm (ansonsten wurden kleinste Gegen-Bewegungen im Keim erstickt!) zeigte uns die Möglichkeit der Bröckeligkeit der alten Mauern.

Anfang Oktober war ich dann zu einer Fortbildung in einer anderen großen Stadt, Magdeburg. Dort warnte man uns eindringlich, an den Montagsdemos teilzunehmen. Es sei viel zu gefährlich.
Natürlich gingen wir zum Dom, wo solche Veranstaltungen oft begannen. Hier war es ein stiller Marsch mit Kerzen.... im schützenden Dom beginnend....so viele Menschen. Am nächsten Tag kam die Nachricht, dass Erich Honecker zurückgetreten sei. Sein Nachfolger, Egon Krenz, war für uns nicht gerade ein hoffnungsvoller Ersatz...

Ein paar Tage später besuchte mich mein Brieffreund Klaus aus Westdeutschland.
Gemeinsam fuhren wir nach Berlin, nicht in Erwartung irgendwelcher Aktionen, sondern
einfach so, schon länger geplant, um ein paar schöne Tage zusammen dort zu verbringen.

Es war die Zeit um den 07.10.89, den ostdeutschen Nationalfeiertag, den 40. Gründungstag
der DDR .
Klar, dass wir uns die Parade anschauten, im Hinblick auch darauf, dass Michail Gorbatschow anwesend sein sollte.

Filzstiftmalerei, 2. Klasse  (wir mussten bei einem Staatsbesuch an der Straße stehen und winken).

 "Gorbi, hilf uns!" Rufe wurden laut, ganz schnell spürte man, wie Sicherheitskräfte die Gegend abriegelten. Eine Demonstration bildete sich nach der Militärparade, aber erst, als Honecker, Arafat, Ceausescu, Gorbatschow und andere Gäste beim Abendessen saßen. Eingeschritten wurde erst, nachdem Gorbatschow Berlin wieder verlassen hatte...

Ich bin mit Klaus wieder nach Hause gefahren und wir hatten noch einen Ausflugstag nach Leipzig geplant. Montag, 09.10.1989.  Unbeabsichtigt sind wir dabei, als Geschichte geschrieben wird.
Wir suchten abends die Nicolaikirche auf, wo das Montagsgebet mit Pfarrer Christian Führer stattfinden sollte. Es war eine eigenartige Atmosphäre, man konnte nicht einschätzen, wer Stasi und wer nicht war....
Als wir die Kirche verließen, hörten wir schon die Menschenmassen (70.000 sollen es gewesen sein) "Wir sind das Volk!" rufen . Gänsehaut.
Angst, als wir aus einer Seitenstraße Mannschaftswagen der Polizei anrollen sahen, viele LKW mit vielen Uniformierten. Bewaffnet.

                                Bild aus dem Zeichenunterricht, 4.Klasse

Ich bin ehrlich, Klaus und ich haben die Stadt verlassen.  Klaus hatte ja vor, wieder auszureisen.
Es konnte keiner ahnen,wie der Abend ausgehen wird. Dieser Abend stellte die Weichen für alles weitere. Es blieb friedlich. die alten verbohrten Männer wussten keine Antwort mehr auf die drängenden Fragen und keiner traute sich, zuzuschlagen.

Ich glaube heute noch, dass die Information von Schabowski in einer Pressekonferenz am Abend des 09.11.89 ein großes Missverständnis war, dass die Grenzen ab sofort geöffnet seien und jedem eine Ausreise offen stünde. Unter welchen Bedingungen und ab wann war ihm nicht bekannt, also stammelte er auf Nachfrage ...." ab sofort".

In den "Tagesthemen" der ARD wurde nachts um 22.42 Uhr die Grenzöffnung bekanntgegeben und daraufhin stürmten Zehntausende Bürger gegen 23.30 Uhr zur Bornholmer Brücke und zu anderen Grenzpunkten und verlangten die Öffnung.... wir sehen die Bilder der Menschen auf der Mauer noch vor uns.

Schabowski's  Bemerkung hatte ich noch gehört, dann bin ich aber schlafen gegangen. Schliesslich klingelte mein Wecker kurz nach 4:00 Uhr...

Als ich morgens dann wie immer mit der bayrischen Hymne zu Sendebeginn aus meinem Radiowecker wach wurde  - hörte ich das Unglaubliche - die Mauer ist offen - man kann über die Grenze fahren! Es war ein Freitag...
Ich fuhr zur Arbeit.
Ich weiß noch, wie das Wetter war, ich spüre noch diese ungläubige Stimmung,...die große Freude!
Wir haben Sekt gekauft, angestossen und in den nächsten beiden Tagen fuhren ganz viele Leute zum ersten Mal die Straßen weiter, die bisher schon viele Kilometer vor der Grenze gesperrt waren.
Unglaublich lange Staus...
Mein Vater hatte an diesem Wochenende Dienst und in der Klinik zu arbeiten, also fuhren wir erst am nächsten Wochenende ... Endlich!  Endlich!

Unser Ziel war Worms am Rhein, wo mein Bruder lebte, der einige Monate vorher über Budapest ausgereist war...

Ich bin gleich 2 Jahre später ausgewandert. Der Liebe wegen und weil das Drehen der vormals roten Fähnchen nach dem Wind nur  noch sehr schwer zu ertragen war...
Ich bin sehr dankbar, dass ich die ganze Geschichte miterleben durfte, dass ich noch so jung dabei war und mittendrin sein konnte.


Herbst 2014, ist nach 25 Jahren alles gut ?
Ein Thema für einen nächsten post....